Auf zum Gipfel
Der Aufstieg zum Chrüzlistock ist etwas für erfahrene Wanderer. Entschädigt werden diese auf dem Gipfel mit einem überwältigenden Rundblick.
Es scheint, dass der Chrüzlipass, der dem Chrüzlistock seinen Namen gab, schon vor vielen Hundert Jahren eine grosse Bedeutung hatte. Er war ein Zubringer zum Lukmanier, über den sich damals viel Verkehr zwischen Süddeutschland und Oberitalien abwickelte. Erst im 13. Jahrhundert lief ihm der Gotthard den Rang ab, nachdem die Schöllenen mit dem Bau der Teufelsbrücke und des stiebenden Steges gangbar gemacht worden war. In der Folge diente der Chrüzlipass hauptsächlich als Pilgerweg vom Tavetsch in der Surselva nach Einsiedeln und zurück; umgekehrt besuchten Gläubige aus dem Urnerland auch Gottesdienste in Disentis. Auch für den Viehhandel soll der Übergang eine gewisse Bedeutung gehabt haben; die Urner holten sich mit Vorliebe Ferkel aus dem Tavetsch.
Fremde Händel
Wieweit der Chrüzlipass beim Vorstoss der österreichischen und russischen Truppen unter General Suworow im September 1799 von militärischer Bedeutung war, ist nicht ganz klar. Die Heeresgruppe unter General Rosenberg sollte die Franzosen im Urserental vom Oberalppass her angreifen, während die Hauptmacht Suworows, durch die Leventina vorrückend, den Gotthardpass überwand. Die französischen Truppen hatten sich aber bereits in die Schöllenenschlucht zurückgezogen. Ihr erbitterter Widerstand wurde zum Teil mit mutigen Umgehungsmanövern überwunden. Offenbar war auch ein Detachement der Heeresgruppe Rosenberg zu einer weiträumigeren Umgehung über den Chrüzlipass abkommandiert worden. Allerdings ohne entscheidende Wirkung, denn als das Suworowsche Heer im unteren Reusstal eintraf, hatten die Franzosen sich über den Urnersee zurückgezogen und sämtliche Schiffe mitgenommen. Der Rest der Geschichte mit Suworows historischer «Flucht» über den Pragel- und den Panixerpass ist bekannt.
Heutzutage geht es auf diesem beliebten Übergang vom Urnerland ins Tavetsch sehr viel friedlicher zu. Wanderer, Schulklassen und ganze Vereine benützen ihn auf ihrer Wanderung von der Etzlihütte nach Sedrun oder umgekehrt. Von der Passhöhe aus erreicht man den Nordgipfel des Chrüzlistocks (2709 m ü. M.) weglos, aber leicht, immer dem Nordostkamm folgend, in eineinhalb bis zwei Stunden.
Tolle Rundsicht
Bedeutend schöner und abwechslungsreicher ist der Aufstieg zum Chrüzlistock aber von der Etzlihütte aus über die Mittelplatten (2487 m ü. M.). Die Leitungsmasten der Aare-Tessin-Kraftwerke hat man beim Aufstieg immer zur Linken, und man macht sich so seine Gedanken über Technik und Landschaftsschutz, aber auch darüber, welcher Anstrengungen es einst bedurfte, eine solche Leitung im Hochgebirge zu bauen. Beim obersten Mast auf der Passhöhe überschreitet man die Kantonsgrenze zwischen Uri und Graubünden und zugleich die Sprachgrenze zwischen Deutsch und Rätoromanisch. Südlich von uns heissen die Berge nun nicht mehr «-stock» zum Nachnamen, sondern führen das Adelsprädikat «Piz» vor ihrem Namen.
Der Aufstieg zum Sattel zwischen dem Nord- und dem Südgipfel ist in der ersten Sommerhälfte, wenn noch Altschnee liegt, einfacher und bequemer. Ein luftiger Blockgrat zum Hauptgipfel verlangt eine kurze, aber leichte Kletterei. Kinder sollten auf diesem Stück ans Seil genommen werden.
Bei gutem Wetter bietet sich auf dem Gipfel eine überraschende Rundsicht. Sie wird dominiert vom alles überragenden Oberalpstock und reicht vom Rheinwaldhorn bis zum Vierwaldstättersee.
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Zum Chrüzlistock
• Gebiet
Östliche Urner Alpen
• Gipfel
Chrüzlistock (Nordgipfel 2707 m ü. M., Südgipfel 2714 m ü. M.)
• Charakterisierung
Wandergipfel für bergtüchtige Wanderer, die die Einsamkeit lieben und etwas mehr leisten wollen als nur den üblichen Übergang von Uri nach Graubünden oder umgekehrt.
• Schwierigkeit
T 4 bis 5 (Alpinwandern bis anspruchsvolles Alpinwandern). Bis Chrüzlipass und Mittelplatten Bergwege und Wegspuren, immer gut markiert. Für trittsichere und erfahrene Bergwanderer. Aufstiege zum Chrüzlistock meist weglos und ohne Markierungen, bei sichtigem Wetter sehr gut zu finden; bei Nebel aber nicht ratsam.
• Wanderzeit
Etzlihütte bis Chrüzlistock: 2 ½ bis 3 Stunden
• Höhendifferenz
Etzlihütte bis Chrüzlistock: 665 m
• Talorte
Bristen UR (770 m ü. M.), kleines Dorf im Urner Reusstal, Ausgangspunkt für das Maderanertal. www.silenen.ch. ÖV: Mit SBB bis Erstfeld, anschliessend Postauto nach Amsteg, Bristen, GolzernbahnTalstation.
Sedrun GR (1448 m ü. M.), Hauptort des Tavetsch, den obersten Teil des Bündner Oberlandes. Mehr unter www.sedrun.ch. ÖV: Mit RhB ab Chur nach Disentis, anschliessend mit der Furka–OberalpBahn nach Sedrun.
• Ausgangspunkt
Etzlihütte (2052 m ü. M.), oberhalb Müllersmatt. SACSektion Thurgau.
75 Plätze. Bewartet Mitte Juni bis Ende Oktober. Reservationen: Hüttentelefon/Fax 041 820 22 88, www.etzlihuette.ch. Erreichbar von Bristen in 4 Stunden (mit Bergtaxi bis HinterEtzliboden auf 1330 m ü. M., von hier noch 2 Stunden), von Sedrun über den Chrüzlipass in 3 ½ Stunden.
• Auf- und Abstieg
Via Chrüzlipass: kurzer Abstieg zur Müllersmatt. Nach der Brücke über den Etzlibach und dem linken Bergweg folgend bis zur Passhöhe des Chrüzlipasses: 1 Stunde. Nun weglos, aber ohne Kletterei dem Nordostrücken folgend zum Nordgipfel, dann über den Sattel und den Blockgrat (leichte Kletterei, unschwierig) zum Südgipfel.
Via Mittelplatten: Wie oben beschrieben, nach der Brücke über den Etzlibach dem rechten Bergweg folgend, später auch weglos, aber immer gut markiert bis zur Passhöhe der Mittelplatten: 1 Stunde. Vom obersten Mast der Starkstromleitung aus pfadlos über Blockfelder nach Nordosten, unter dem Piz Pali hindurch und über den Westrücken des Nordgipfels. Weiter, wie oben beschrieben, auf den Südgipfel. Wenn im Frühsommer noch Altschnee in den Mulden liegt, ist es eventuell vorteilhafter, über die Schneefelder direkt in den Sattel zwischen den beiden Gipfeln zu gelangen. Abstieg auf denselben Routen.
Karten
Landeskarte 1212 Amsteg (1: 25 000), 256 Disentis/Mustér (1: 50 000)
Führer
SACClubführer, Urner Alpen Ost, SACVerlag, Bern
Alternative
Caschlé (2546 m ü. M.), südlich des Chrüzlistocks, auf dem Abstieg nach Sedrun oder Rueras leicht «mitzunehmen».
Fotos: fotolia.com, zvg
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