Auf zu neuen Ufern

Sabine Hurni | Ausgabe 6 - 2009

Statt für eine Hormonersatztherapie entscheiden sich viele Frauen heute bewusst für pflanzliche Präparate, wenn ihnen die Wechseljahre das Schwitzen lernen. Die «Abänderung» kann auch die Chance für eine Neuorientierung sein.

Rotklee

Der Bart spross, die Haut war pi­ckelig wie die eines Teenagers und meine Psyche war total in­stabil», erzählt Rosmarie Zehnder (Name geändert). So erlebte die 48­jährige Frau die erste Zeit der Wechseljahre. Beim Auf und Ab der Hormone hatte sie oft Gefühlsausbrüche, erwachte nachts schweissgebadet und fühlte sich mehr und mehr durch ihr Hormonsystem fremd ge­steuert. Rosmarie Zehnder entschied sich deshalb für eine Hormonersatztherapie. Diese brachte zwar in vielen Bereichen merkliche Erleichterung, dafür nahm sie beachtlich zu. «Nach einiger Zeit hatte ich dann genug von diesen Hormonen», sagt sie. Seither helfe sie sich mit pflanzlichen Präparaten und nähme die Stim­mungsschwankungen in Kauf, die sie gele­gentlich noch heimsuchen.

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«Bedauernswerte Kastraten»

Wie Rosmarie Zehnder geht es vielen Frauen. Die verschiedenen Ansichten, die über die Hormontherapie in Umlauf sind, verwirren und verunsichern die Betroffe­nen. Das war früher anders. Seit der ame­rikanische Gynäkologe Robert A. Wilson in den Sechzigerjahren die Hormonersatz­therapie erfunden hat, schluckten die Frauen unkritisch Östrogen­ und Östro­gen-­Gestagen­-Präparate, die, wie Wilson provokativ betonte, für einen konstanten Östrogenspiegel von der Pubertät bis ins Grab sorgten – damit sich liebenswerte Frauen nicht zu zickigen Weibern entwi­ckeln. Er bezeichnete menopausale Frauen sogar als «bedauernswerte Kastraten».

Im Jahr 2002 begann die Zustimmung zur Hormonersatztherapie zu bröckeln, als sich in einer Studie der Womans Health Initiative die Hinweise mehrten, dass die langfristige Einnahme von Östrogen­ und Östrogen-­Gestagen-­Präparaten das Brust­krebsrisiko erhöhen und Herz­-Kreislauf-­Erkrankungen begünstigen können, wenn eine familiäre Disposition vorliegt. Viele Frauen haben diese Prognosen verun­sichert. Daher leben heute viele statt mit einer Hormontherapie lieber mit für die Wechseljahre typischen Hitzewallungen, Verstimmungen und Schlafstö­rungen oder entscheiden sich für Pflanzenhormone.

Pflanzenöstrogene

Fast alle Pflanzen enthalten hormonelle Stoffe. Sie brauchen diese für viele wich­tige Stoffwechselvorgänge. Der Begriff Hormon stammt übrigens aus dem Grie­chischen und bedeutet anregen, in Bewe­gung setzen, antreiben. Allerdings stellt nicht jedes Gewächs in gleichem Masse Hormone zur Verfügung. Die bekanntes­ten Vertreter unter den Heilpflanzen sind die Traubensilberkerze, der Mönchspfeffer sowie Soja und Rotklee.

Auf unseren Wiesen breitet sich vor ­allem der Rotklee (Trifolium pratense) wacker aus. Er ist quasi die einheimische Alternative zum Soja. Rotklee enthält ne­ben Eiweissen, Gerbstoffen, Asparagin und ätherischen Ölen auch Isoflavone (Genistein) und Cumestane (Cumestrol). Die beiden hormonähnlichen Substanzen werden im Darm zu einem östrogenähnli­chen Stoff umgewandelt. Dieses Pflanzen­östrogen kombiniert mit weiteren Inhaltsstoffen der Heilpflanze kann die hormonellen Schwankungen während den Wechseljahren ausgleichen – dies obwohl die Phytoöstrogene um ein Vielfaches schwächer sind als die Östrogene der ­Hormontherapie.

Rotkleeblüten gibt es als Tinktur, in Kapseln oder als spagyrische Essenzen im Fachhandel. Leidet eine Frau stark unter den Begleiterscheinungen des Klimakteri­ums, kann sie die Phytohormone nach Ab­sprache mit dem Frauenarzt auch mit ge­ringen Dosen von synthetisch hergestellten Hormonen kombinieren.  Äusserlich ange­wendet heilen Rotkleeextrakte chroni­sches Wundsein der Haut und Schleim­haut, lindern Weissfluss und reduzieren Falten.

Der Rotklee ist in adäquater Menge eine von den Bauern gern gesehene Wie­senblume, weil er die Milchbildung der Kühe verbessert. Fressen die Tiere jedoch allzu viel Rotklee, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr trächtig werden. Die mehr­jährige Honigblume, wie der Rotklee ebenfalls oft genannt wird, gehört zu der Familie der Schmetterlingsblütler (Faba­ceae). Die rosa­violette Blüte besteht aus ungefähr 100 Einzelblüten. Sie schmecken süss wenn man sie einzeln auszupft und daran saugt. Unverwechselbar machen den Rotklee allerdings vor allem die drei­teiligen Blätter. Sie stehen für Glück und Lebenskraft – ganz besonders dann, wenn man eines der seltenen vierblättrigen Kleeblätter findet.

Sanfte Tipps für die Zeit des Wechsels
Nicht jede Frau empfindet die Hitzewallungen als gleich störend. Rund ein Drittel aller Frauen haben trotz Abfall des Östrogenspiegels sogar praktisch keine Beschwerden. Die Wechseljahre sind keine Krankheit und müssen auch nicht unbedingt behandelt werden. Mit einer gesunden, ballaststoffreichen Ernährung, einer aktiven Lebensfüh­rung und dem bewussten Umgang mit dem Älterwerden ist bereits viel getan:
• Ernährung: Phytoöstrogene stecken nicht nur in den Heilpflanzen. Auch viele Nahrungsmittel enthalten die hormon­regulierende Stoffe, zum Beispiel Knob­lauch, Linsen, Erbsen, Tofu, Leinsamen, Spargeln, Haferflocken, Beeren und Sprossen.
• Entspannung: Autogenes Training, Meditations- und Atemübungen sowie Yoga gleichen hormonelle Schwankungen aus.
• Sauna: Mit regelmässigen Schwitz­behandlungen können die hormonell bedingten, plötzlichen Schweissaus­brüche in Bann gehalten werden.
• Wasseranwendungen: Warme Bäder oder Besuche im Thermalbad wirken entspannend und ausgleichend.
• Intimpflege: Mit dem Rückgang des Östrogenspiegels wird auch die Haut und die Schleimhaut dünner, trockener und empfindlicher. Umso wichtiger werden die Pflege und das Fetten der Intimhaut. Seife und Intimsprays trocknen die Scheide aus. Besser verträglich ist das Waschen mit reinem Wasser oder mit Spezial­produkten. Nach der Reinigung folgt die Pflege der Intimzone. Dazu eignen sich natürliche Öle oder fettige Cremen, die frei von Zusatzstoffen sind.
• Unterstützende Heilpflanzen: Salbei, Hopfen und der Frauenmantel wirken ebenfalls ausgleichend auf den Hormonhaushalt. Sie können gut mit dem Rotklee kombiniert werden. Wer starke Stimmungsschwankungen hat, kann zusätzlich Johanniskraut (Hypericum perforatum) einnehmen, das dank den Inhaltsstoffen Hypericin und Hyperforin die Nerven stärkt.
• Bilanz ziehen: Die Wechseljahre sind ein wichtiges Kapitel im Leben einer Frau. Nicht selten wendet sich der bisherige ­Lebensweg um 180 Grad. Frauen, die jahrelang für Kinder und Familie da waren können den Drang verspüren, jetzt ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Vielleicht wollen bis anhin unterdrückte Wünsche gelebt werden. Frauen, die sich mit der Symbolik der Wechseljahre befassen, diesen inneren Wirbelsturm zulassen und den Mut haben, sich Herzenswünsche in der zweiten Lebens­hälfte zu erfüllen, werden die Zeit der Abänderung vermutlich weniger störend empfinden.

Literatur
Kathrin Schaudig, Anneliese Schwenk­hagen: «Wechseljahre-Frauen und
ihr Körper», Verlag Droemer/Knaur März 2007, zirka Fr. 35.–
Margret Madejsky: «Lexikon der Frauenkräuter», 
AT Verlag September 2008, zirka Fr. 50.–
Margit Dahlke, Volker Zahn: «Frauen-Heil-Kunde»
Goldmann Verlag Januar 2003, zirka Fr. 23.–

Fotos: FOTOLIA


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