Auf zu neuen Ufern
Statt für eine Hormonersatztherapie entscheiden sich viele Frauen heute bewusst für pflanzliche Präparate, wenn ihnen die Wechseljahre das Schwitzen lernen. Die «Abänderung» kann auch die Chance für eine Neuorientierung sein.

Rotklee
Der Bart spross, die Haut war pickelig wie die eines Teenagers und meine Psyche war total instabil», erzählt Rosmarie Zehnder (Name geändert). So erlebte die 48jährige Frau die erste Zeit der Wechseljahre. Beim Auf und Ab der Hormone hatte sie oft Gefühlsausbrüche, erwachte nachts schweissgebadet und fühlte sich mehr und mehr durch ihr Hormonsystem fremd gesteuert. Rosmarie Zehnder entschied sich deshalb für eine Hormonersatztherapie. Diese brachte zwar in vielen Bereichen merkliche Erleichterung, dafür nahm sie beachtlich zu. «Nach einiger Zeit hatte ich dann genug von diesen Hormonen», sagt sie. Seither helfe sie sich mit pflanzlichen Präparaten und nähme die Stimmungsschwankungen in Kauf, die sie gelegentlich noch heimsuchen.
Surftipps
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«Bedauernswerte Kastraten»
Wie Rosmarie Zehnder geht es vielen Frauen. Die verschiedenen Ansichten, die über die Hormontherapie in Umlauf sind, verwirren und verunsichern die Betroffenen. Das war früher anders. Seit der amerikanische Gynäkologe Robert A. Wilson in den Sechzigerjahren die Hormonersatztherapie erfunden hat, schluckten die Frauen unkritisch Östrogen und Östrogen-Gestagen-Präparate, die, wie Wilson provokativ betonte, für einen konstanten Östrogenspiegel von der Pubertät bis ins Grab sorgten – damit sich liebenswerte Frauen nicht zu zickigen Weibern entwickeln. Er bezeichnete menopausale Frauen sogar als «bedauernswerte Kastraten».
Im Jahr 2002 begann die Zustimmung zur Hormonersatztherapie zu bröckeln, als sich in einer Studie der Womans Health Initiative die Hinweise mehrten, dass die langfristige Einnahme von Östrogen und Östrogen-Gestagen-Präparaten das Brustkrebsrisiko erhöhen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen können, wenn eine familiäre Disposition vorliegt. Viele Frauen haben diese Prognosen verunsichert. Daher leben heute viele statt mit einer Hormontherapie lieber mit für die Wechseljahre typischen Hitzewallungen, Verstimmungen und Schlafstörungen oder entscheiden sich für Pflanzenhormone.
Pflanzenöstrogene
Fast alle Pflanzen enthalten hormonelle Stoffe. Sie brauchen diese für viele wichtige Stoffwechselvorgänge. Der Begriff Hormon stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet anregen, in Bewegung setzen, antreiben. Allerdings stellt nicht jedes Gewächs in gleichem Masse Hormone zur Verfügung. Die bekanntesten Vertreter unter den Heilpflanzen sind die Traubensilberkerze, der Mönchspfeffer sowie Soja und Rotklee.
Auf unseren Wiesen breitet sich vor allem der Rotklee (Trifolium pratense) wacker aus. Er ist quasi die einheimische Alternative zum Soja. Rotklee enthält neben Eiweissen, Gerbstoffen, Asparagin und ätherischen Ölen auch Isoflavone (Genistein) und Cumestane (Cumestrol). Die beiden hormonähnlichen Substanzen werden im Darm zu einem östrogenähnlichen Stoff umgewandelt. Dieses Pflanzenöstrogen kombiniert mit weiteren Inhaltsstoffen der Heilpflanze kann die hormonellen Schwankungen während den Wechseljahren ausgleichen – dies obwohl die Phytoöstrogene um ein Vielfaches schwächer sind als die Östrogene der Hormontherapie.
Rotkleeblüten gibt es als Tinktur, in Kapseln oder als spagyrische Essenzen im Fachhandel. Leidet eine Frau stark unter den Begleiterscheinungen des Klimakteriums, kann sie die Phytohormone nach Absprache mit dem Frauenarzt auch mit geringen Dosen von synthetisch hergestellten Hormonen kombinieren. Äusserlich angewendet heilen Rotkleeextrakte chronisches Wundsein der Haut und Schleimhaut, lindern Weissfluss und reduzieren Falten.
Der Rotklee ist in adäquater Menge eine von den Bauern gern gesehene Wiesenblume, weil er die Milchbildung der Kühe verbessert. Fressen die Tiere jedoch allzu viel Rotklee, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr trächtig werden. Die mehrjährige Honigblume, wie der Rotklee ebenfalls oft genannt wird, gehört zu der Familie der Schmetterlingsblütler (Fabaceae). Die rosaviolette Blüte besteht aus ungefähr 100 Einzelblüten. Sie schmecken süss wenn man sie einzeln auszupft und daran saugt. Unverwechselbar machen den Rotklee allerdings vor allem die dreiteiligen Blätter. Sie stehen für Glück und Lebenskraft – ganz besonders dann, wenn man eines der seltenen vierblättrigen Kleeblätter findet.
Sanfte Tipps für die Zeit des Wechsels
Nicht jede Frau empfindet die Hitzewallungen als gleich störend. Rund ein Drittel aller Frauen haben trotz Abfall des Östrogenspiegels sogar praktisch keine Beschwerden. Die Wechseljahre sind keine Krankheit und müssen auch nicht unbedingt behandelt werden. Mit einer gesunden, ballaststoffreichen Ernährung, einer aktiven Lebensführung und dem bewussten Umgang mit dem Älterwerden ist bereits viel getan:
• Ernährung: Phytoöstrogene stecken nicht nur in den Heilpflanzen. Auch viele Nahrungsmittel enthalten die hormonregulierende Stoffe, zum Beispiel Knoblauch, Linsen, Erbsen, Tofu, Leinsamen, Spargeln, Haferflocken, Beeren und Sprossen.
• Entspannung: Autogenes Training, Meditations- und Atemübungen sowie Yoga gleichen hormonelle Schwankungen aus.
• Sauna: Mit regelmässigen Schwitzbehandlungen können die hormonell bedingten, plötzlichen Schweissausbrüche in Bann gehalten werden.
• Wasseranwendungen: Warme Bäder oder Besuche im Thermalbad wirken entspannend und ausgleichend.
• Intimpflege: Mit dem Rückgang des Östrogenspiegels wird auch die Haut und die Schleimhaut dünner, trockener und empfindlicher. Umso wichtiger werden die Pflege und das Fetten der Intimhaut. Seife und Intimsprays trocknen die Scheide aus. Besser verträglich ist das Waschen mit reinem Wasser oder mit Spezialprodukten. Nach der Reinigung folgt die Pflege der Intimzone. Dazu eignen sich natürliche Öle oder fettige Cremen, die frei von Zusatzstoffen sind.
• Unterstützende Heilpflanzen: Salbei, Hopfen und der Frauenmantel wirken ebenfalls ausgleichend auf den Hormonhaushalt. Sie können gut mit dem Rotklee kombiniert werden. Wer starke Stimmungsschwankungen hat, kann zusätzlich Johanniskraut (Hypericum perforatum) einnehmen, das dank den Inhaltsstoffen Hypericin und Hyperforin die Nerven stärkt.
• Bilanz ziehen: Die Wechseljahre sind ein wichtiges Kapitel im Leben einer Frau. Nicht selten wendet sich der bisherige Lebensweg um 180 Grad. Frauen, die jahrelang für Kinder und Familie da waren können den Drang verspüren, jetzt ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Vielleicht wollen bis anhin unterdrückte Wünsche gelebt werden. Frauen, die sich mit der Symbolik der Wechseljahre befassen, diesen inneren Wirbelsturm zulassen und den Mut haben, sich Herzenswünsche in der zweiten Lebenshälfte zu erfüllen, werden die Zeit der Abänderung vermutlich weniger störend empfinden.
Literatur
• Kathrin Schaudig, Anneliese Schwenkhagen: «Wechseljahre-Frauen und
ihr Körper», Verlag Droemer/Knaur März 2007, zirka Fr. 35.–
• Margret Madejsky: «Lexikon der Frauenkräuter»,
AT Verlag September 2008, zirka Fr. 50.–
• Margit Dahlke, Volker Zahn: «Frauen-Heil-Kunde»
Goldmann Verlag Januar 2003, zirka Fr. 23.–
Fotos: FOTOLIA
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