Auf die hohe Tour

Guido Gisler | Ausgabe 06 - 2010

Auf der Via Alpina lässt sich der imposante Alpenbogen auf über 5000 Kilometern durchwandern. Eine der 19 Schweizer Etappen führt über steile Flanken zum Hohtürli und zur aussichtsreichen Blüemlisalphütte.

Die bekannte nationale Route 1 Via Alpina ist Teil des Fernwanderwegnetzes Via Alpina, das die Adria mit der Côte d’Azur verbindet. Die über 5000 Kilometer Wanderwege – aufgeteilt in fünf Routen und 341 Tagesetappen –, erschliessen nicht nur eine atemberaubende alpine Bergwelt, sie verbinden auch unterschiedliche Lebens-, Kultur- und Naturräume und machen deshalb Wanderungen im grössten europäischen Naturraum zu einer ganz besonders interessanten Entdeckungsreise.

Auf bestehenden Wanderwegen durchquert die Via Alpina ein einzigartiges alpines Gebiet, den grössten europäischen Naturraum, der sich über acht Alpenstaaten – Frankreich, Italien, Monaco, Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Slowenien – , erstreckt.

Europäisches Projekt

Die Via Alpina ist ein von der EU gefördertes Projekt zur Unterstützung strukturschwacher Regionen und zur Förderung der alpinen Identität. Die Streckenführung berücksichtigt deshalb zahlreiche politische, umweltrelevante und touristische Aspekte. Darüber hinaus rückt sie die Bedeutung der Alpen nicht nur für den Tourismus, sondern auch als gefährdeter grösster europäischer Naturraum ins Bewusstsein.

Die Wanderwege der Via Alpina bewegen sich meist zwischen 1000 und 3000 Metern über Meer und sind grundsätzlich von Anfang Juli bis Mitte September (tiefer gelegene Teilstrecken natürlich während eines viel längeren Zeitraums) begehbar. Die Route weist überall einen mittleren Schwierigkeitsgrad auf, meidet Kletterpassagen und Gletscherüberquerungen. Am Ziel jeder Tagesetappe finden Wanderer Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten, und entlang der Strecke sind in regelmässigen Abständen Lebensmittelgeschäfte und andere Dienstleistungen erreichbar.

Ein Klassiker auf dem Schweizer Abschnitt der Via Alpina liegt im Berner Oberland und führt von der Griesalp über das Hohtürli und die Blüemlisalphütte nach Kandersteg. Weltweit bekannt wurde das Berner Oberland mit seinen Anziehungspunkten Eiger, Mönch und Jungfrau und deren eindrücklich vergletscherten Nordflanken. Sie verhalfen dem Oberland zur besten touristischen Erschliessung der Schweiz unter anderem mit dem pionierhaften Ausbau des Jungfraujochs zur höchsten Bahnstation Europas. Trotzdem konnten sich die weltoffenen Zentren Grindelwald und Gstaad ihren heimeligen Charakter mit den vielen mit Holzschnitzereien geschmückten Holzchalets erhalten.

Steile Flanken zum Hohtürli

Ausgehend vom Thunerund Brienzersee mit ihren historischen Schlössern verzweigen sich viele unterschiedliche Täler in Richtung Süden bis zu den höchsten Bergen. Der Wechsel von den sanften Hügellandschaften des Simmentals zu den steil abfallenden Flanken im Lauterbrunnental bietet auf engstem Raum eine unvergleichliche topografische Abwechslung für den Wanderer. Man teilt sich die Naturschönheiten entweder mit Tausenden Touristen – auf der Kleinen Scheidegg – oder nur mit den Gämsen – am Grossen Lohner. In Gstaad trifft sich die ganze Welt auf der Parfümmeile, während man sich die Bahnen in Adelboden eher mit Schweizer Familien teilt.

Einige der höchsten Wasserfälle der Schweiz stürzen sich hier im Oberland über steile Flanken, während in den Voralpenhügeln das Wasser den Boden moorig feucht hält. Viele felsige Passübergänge führen die Wandernden nahe an eine beeindruckende Gletscherwelt, und auf bekannten Hütten wie etwa der Blüemlisalphütte kommt man mit Alpinisten ins Gespräch.

Der Weg dorthin beginnt für uns auf der Griesalp. Der Naturlehrpfad im Waldaufstieg informiert über die lokale Flora und erreicht die Obere Bundalp, wo man seine Wasservorräte für den vielleicht heissen Aufstieg nochmals überprüfen sollte. Der Weg, der ab jetzt an steilen Flanken entlangführt, wird viel begangen. Es lohnt sich, im Sommer die 1000 Höhenmeter von hier zum Hohtürli am frühen Morgen aufzusteigen, es sei denn, man möchte mittags um zwei Uhr den menschlichen «Dramen» beiwohnen, die sich in diesem Backofenaufstieg abspielen. Der Schlussaufstieg bis zum Hohtürli, dem mit 2778 Metern höchsten Punkt der Via Alpina, wird durch Holztreppen vereinfacht. Die 50 zusätzlichen Höhenmeter zur imposanten Blüemlisalphütte lohnen sich. Bier oder Tee trinkt man hier mit Alpinisten, die eben die eisgepanzerte Blüemlisalp bestiegen haben.

Der Weg zum Oeschinensee verliert nur langsam an Höhe, sodass man Blüemlisalp, Fründen- und Doldenhorn lange geniessen kann. Zwischen den Bergrestaurants Oberbärgli und Unterbärgli befi nden sich einige ausgesetzte, aber gut gesicherte Stufen.

Ein Bergsturz liess mit dem Oeschinensee einen der schönsten Bergseen entstehen. Der tiefblaue See, dessen Wasser in Kandersteg getrunken wird, liegt eingebettet zwischen schroffsten Felswänden. Kandersteg versprüht mit seinen traditionellen Holzhäusern den Oberländer Charme.

Das Buch zur Wanderung «Wanderland Schweiz – Via Alpina» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

An- und Rückreise
Von Spiez mit dem Regionalzug nach Reichenbach im Kandertal, dort fährt ein Postauto nach Griesalp Kurhaus (ab 29. Mai bis 24. Oktober täglich). Ab Kandersteg regelmässige Verbindungen nach Spiez und Bern.
Distanz
15,6 Kilometer
Wanderzeit
8 Stunden
Höhenunterschiede
Aufstieg 1545 Meter, Abstieg
1765 Meter
Schwierigkeitsgrad
Schwer
Karten
1:50 000 Jungfrau 264 T,
Wildstrubel 263 T
Übernachtungsmöglichkeiten und Infos
www.griesalp.ch, www.bluemlisalphuette.com, www.kandersteg.ch/kandersteg.html

Foto: swiss-image.ch/Christof Sonderegger

Tags (Stichworte): AlpenbogenBluemlisalphuetteEtappenFlankenHohtürliOeschinenseeSeeVia_AlpinaWandern

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