Auf der Kriechspur

Andreas Krebs | Ausgabe 6 - 2008

Schnecken sind viel mehr als nur langsam: Sie verstehen etwas von der Liebe, sind perfide Giftmischer und auch für die Wissenschaft interessant. Und sie lassen mit sich reden.

Was wir von Schnecken lernen können? «Manchmal wäre es gut, wenn der Mensch sich auf deren Langsamkeit besinnen würde», sagt der Schneckenexperte Jörg Rüetschi und lobt den gemächlichen Lebensrhythmus der Schnecken. Für Hans-Peter Posavac sind Schnecken gar hervorragende Meditationslehrer. «Man wird ruhiger, wenn man Schnecken betrachtet», meint der deutsche Schneckenkenner. Widmen wir uns also in dieser hektischen Zeit den Gurus der Gemächlichkeit.

Erfolgreicher als Dinosaurier

Schnecken stehen zwar für Langsamkeit, sie sind aber hart im Nehmen. Immerhin haben sie die Dinosaurier überlebtund den Untergang der Schachtelhalmwälder. Sie sind seit 600 Millionen Jahren ein Erfolgsmodell der Evolution, das beweisen Weichtierfossilien aus dem frühen Kambrium. Schnecken lebten damals  im Meer, alle hatten ein Gehäuse. Später eroberten sie das Land und manche bildeten das Schneckenhaus zurück. Als Nacktschnecken kriechen sie nun in Ritzen und Erdspalten und sind wesentlich schneller unter-wegs als ihre Kolleginnen mit Haus. «Wegschnecken beispielsweise können in einer Nacht bis zu 50 Meter weit kriechen», sagt Rüetschi. Eine Gehäuseschnecke dagegen bewege sich in ihrem gesamten Leben lediglich in einem Umkreis weniger Meter.

Mittlerweile besiedeln Schnecken nahezu jeden Lebensraum. Sie kriechen durch Dschungel und Wüsten, leben unter Alpenschnee und in 10'000 Meter Tiefe im Meer; sie pflanzen sich fort in Fischgedärmen oder lassen sich, als Ameisenpuppen getarnt, von Arbeiterinnen in Ameisenhaufen durchfüttern. Durch Anpassung und Spezialisierung sind im Laufe der Evolution weltweit über 100'000 Schneckenarten ent-standen. Von ihnen leben rund 70 Prozent im Meer, 10 Prozent im Süsswasser, der Rest auf dem Land. Europa wird von zirka 2000 Arten besiedelt. Die umfangreichsten Familien hierzulande bilden die Heide-, Laub-, Schnirkel- und Schliessmundschnecken.

Schnecken gehören zusammen mit Muscheln und Tintenfischen zu den Weichtieren (Mollusken), die nach den Gliederfüssern den zweitgrössten Stamm im Tierreich bilden. Weichtieren fehlt ein festigendes Skelett. Zirka 80 Prozent aller bekannten Molluskenarten sind Schnecken, sie zählen zur Klasse der Bauchfüsser (Gastropoden). Manche Arten haben Lungen, andere Kiemen. Aus dieser Eigenschaft lässt sich aber nicht auf den Lebensraum der jeweiligen Spezies schliessen, denn es gibt auch Lungenschnecken, die im Wasser leben.

Überflieger
Das Geheimnis, wie die sieben Millimeter grosse Landschnecke Balea perversa ihren Weg von Europa über Madeira bis auf die 9000 Kilometer entfernte Insel Tristan da Cunha im Südatlantik geschafft hat, haben Wissenschaftler der Universität Cambridge gelüftet: Die Schnecken schafften ihren interkontinentalen Siegeszug festgeklebt an den Beinen von Zugvögeln.

Zähne auf der Zunge

Schnecken besiedeln praktisch jeden Tümpel, Fluss und See, und sie leben in allen Meeren. In Bezug auf Formen- und Farbenvielfalt stehen Meeresschnecken den herrlichsten tropischen Fischen und Schmetterlingen nicht nach. Auch die Grössenunterschiede sind beeindruckend: von der winzigen, auch bei uns heimischen Gemeinen Punktschnecke, deren Gehäuse im Durchmesser 1,2 bis 1,5 Millimeter erreicht, bis zum in den Meeren Australiens lebenden Ritterhelm, der bis zu 60 Zentimeter lang werden kann.

Egal wie gross sie sind, am Kopf haben Schnecken stets ein oder zwei Paar einziehbare Fühler, an denen die Augen sitzen, meist am Ende des längeren oberen Paares. Der Sehsinn sei allerdings schlecht ausgebildet, sagt Rüetschi, nur hell und dunkel nähmen sie wahr. Hervorragend ausgeprägt ist dagegen der Geruchssinn. Wegschnecken zum Beispiel können mit ihren in den unteren Fühlern lokalisierten Sinneszellen Futterquellen noch aus 100 Metern Entfernung riechen.

Der Schneckenkörper wird unterteilt in einen Fuss und einen Mantel. Der Fuss dient der Fortbewegung, während der Mantel aus schützendem Epidermisgewebe die Rückenseite bildet. Im Schneckengehäuse oder bei Nacktschnecken in lang gestreckter Form im Rückenbereich hüllt ein Eingeweidesack die Organe ein.

Ein in der Natur einzigartiges Organ ist die Raspelzunge, die sogenannte Radula. Diese ist übersät mit winzigen Chitinzähnchen. Oft sitzt die Radula am Ende eines Rüssels, den manche Arten bis zur fünffachen Körperlänge ausstrecken können; so erreichen sie ihr Futter selbst an schwer zugänglichen Orten. Mit der Raspelzunge können Schnecken praktisch jede Nahrung zerkleinern. So zermahlen sie grobe Stängel, Blätter, Kadaver, Kot und Abfälle und machen sie für Bakterien verwertbar. Dadurch entsteht wertvoller Humus. Viele Schnecken sind Vegetarier, einige fressen Aas oder machen Jagd auf lebende Beute.

Tipps für den Garten
Folgende Arten können im Garten zum Problem werden: Die eingeschleppte Spanische Wegschnecke erkennt man an den oft vorhandenen Seitenbinden, ansonsten unterscheiden sich erwachsene Tiere kaum von der einheimischen, bis 15 Zentimeter langen Roten Wegschnecke. Deutlich kleiner ist die Genetzte Ackerschnecke. Sie lebt bis zu 30 Zentimeter im Boden, und ernährt sich von Wurzeln und abgestorbenen Pflanzenteilen; sie ist recht kälteunempfindlich. Schwarze Gartenwegschnecken werden 3 bis 4 Zentimeter lang und sind an ihren gelb bis kräftig orange gefärbten Sohlen leicht zu erkennen.

Zur Plage können die genannten Arten werden, wenn der Garten nicht im ökologischen Gleichgewicht ist und ihren natürlichen Feinden zu wenig Lebensraum in Form von Reisig-, Stein- und Laubhaufen, Teichen, Wildsträuchern oder Totholz bietet. Die wichtigsten Schneckenvertilger sind: Igel, Spitzmäuse, Echsen, Schlangen, Kröten, Frösche, Molche, gewisse Vögel, Weberknechte, Raubspinnen und Glühwürmchenlarven (siehe «Natürlich» 5-08).

Kaum Probleme hat, wer auf «schneckensichere» Pflanzen ausweicht: Endivie, Zuckerhut, Feldsalat, Kapuzinerkresse, Eisenkraut, Knoblauch, Zwiebeln, rotblättrige Salate, Tomate, Rosen, Primeln. Auch um duftende Kräuter machen Schnecken in der Regel einen Bogen. Andere Pflanzen sollten in Töpfen gezogen und erst ins Beet gesetzt werden, wenn sie kräftig sind. In Trockenperioden vermiest man Schnecken das Gemüse, indem man nur giesst, wenn es unbedingt nötig ist, dann aber reichlich und immer konsequent am Morgen.

Als Notlösung dienen Schneckenzäune. Sie sollten allerdings auf recht kleine Bereiche beschränkt bleiben, da sie auch eine Barriere für viele Nützlinge darstellen. Auf Schneckenkörner muss verzichtet werden. Sie töten nicht nur die Schnecken, sondern gefährden alle, die sich von den Schnecken und dem Gemüse ernähren, denn die Wirkstoffe werden vom Regen und Giesswasser allmählich in den Boden geschwemmt und von den Kulturpflanzen aufgenommen.

Ein schneckenfreier Garten ist überdies gar nicht erstrebenswert, denn die Schnecken sind an der Humusbildung beteiligt und haben eine regulierende Wirkung auf den Kalkhaushalt des Bodens.

Klebstoff und schusssichere Westen

Setzen wir eine Wegschnecke auf eine Glasplatte und betrachten sie von unten: Dunkle Kontraktionswellen wandern vom Ende des Fusses bis zum Kopf; mit jeder Welle, die am Kopf eintrifft, streckt sich der vordere Teil um ein kleines Stück. Eine Drüse unter dem Mund sondert fortwährend Schleim ab, auf diesem gleitet die Schnecke fast ohne Reibung. «Ist die Unterlage feucht, muss die Schnecke weniger Schleim produzieren», erklärt Rüetschi.
Auch die Landschnecken sind, so gesehen, nie ganz vom Wasser losgekommen. Sie überleben nur, indem sie ständig Feuchtigkeit unter sich ausbreiten und auch die ganze Körperoberfläche in Drüsenschleim einhüllen. Die meisten Schnecken werden daher auch erst in der Dämmerung aktiv oder bei feuchter Witterung. Denn auf sehr trockenem Boden müssen sie extrem viel Schleim produzieren und gehen Gefahr zu vertrocknen.

Wir wenden die Glasplatte mit unserer Wegschnecke: Die Schnecke klebt kopfüber. Der Schleim wirkt also je nach Belastung als Gleitmittel oder Klebstoff. Letztere Eigenschaft macht ihn auch für Wissenschaftler interessant, die nach flexiblen Klebstoffen suchen. Der aus Zuckermolekülen und Eiweissen bestehende Schleim hat zudem eine antibakterielle Wirkung und schützt die Schnecken vor Krankheiten. Mit Schneckenschleim sollen sich auch Warzen bekämpfen lassen.

Auch das Gehäuse der Abalon-Schnecke ist Gegenstand der Forschung. Es ist gegenüber hohen Drücken und sogar Einschlägen weitgehend unempfindlich, obwohl es zu 95 Prozent aus Kalk besteht. Unter dem Elektronenmikroskop erkannten Wissenschaftler, dass die Schale aus winzigen, nur wenigen Mikrometer grossen Kalktafeln besteht, die durch einen Proteinklebstoff flexibel miteinander verbunden sind. Durch diese Bauweise wird die Energie eines Aufpralls absorbiert und abgedämpft. Einige Forscher glauben, dass man nach diesem Prinzip leichtgewichtige schusssichere Westen herstellen kann.

Gehen statt Kriechen

Der Clou der Gastropoden-Evolution ist das transportable, am Schneckenkörper fest angewachsene Eigenheim. Bei Gefahren, die von Fressfeinden wie Vögeln, Schlangen, Kröten oder von der  ausdörrenden Sonne drohen, verschwindet die Hauseigentümerin unter der harten Kalkschale. Kürzer kann ein Fluchtweg nicht sein. Nur zirka ein Zehntel aller Arten leben ohne Schneckenhaus.
Die Nacktschnecken tragen entweder dunkle Tarnfarben oder signalisieren wie viele Meeresschnecken den potenziellen Feinden mit grellbunten Mustern Ungeniessbarkeit oder Giftigkeit.

Zu Rüetschis Lieblingsarten zählt hingegen eine eher unscheinbare, einheimische Häuschenschnecke: Pomatias elegans, die Schöne Landdeckelschnecke. «Sie hat einen Rüssel und einen gespaltenen Fuss», sagt der Biologe. «Zuerst hebt sie eine Fusshälfte und schiebt diese nach vorne, dann macht sie dasselbe mit der anderen Hälfte – die Schnecke kann gehen!» Die Landdeckelschnecke kann man in der Westschweiz, im Tessin und am Jurasüdfuss beim Gehen beobachten. Doch ihre Bestände sind rückgängig und sie steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. So wie 30 Prozent der 247 in der Schweiz heimischen Schnecken.

Schnecken leiden am Klimawandel, verlieren Lebensraum, gehen an Gift zugrunde. «Bis vor wenigen Jahrzehnten hat sich die Welt für die Schnecken relativ langsam verändert, der Anpassungsdruck war nicht sehr gross», sagt Rüetschi, der das Projekt «Aktualisierung der Roten Liste der Landschnecken der Schweiz» leitet. «Bei vielen Arten wird es eine neue Einstufung der Gefährdung geben», meint er. Aufgrund solcher Einschätzungen ist die öffentliche Hand gefordert für den Schutz der bedrohten Arten zu sorgen. So wurde für Haarschnecken (Bild) zum Beispiel im Berner Jura zwischen Court und Moutier bereits ein Waldreservat ausgeschieden, das vorerst 50 Jahre nicht bewirtschaftet werden darf – eine lokal sinnvolle Massnahme. Das Problem der Schnecken aber lösen solche punktuellen Eingriffe nicht.

Die Guten und die Bösen

«Die Situation in der Schweiz ist dramatisch», sagt Schneckenforscher Christoph Oberer vom Naturhistorischen Museum Basel. Pro Quadratmeter Boden habe man früher Tausende Häuschenschnecken gefunden, heute gebe es fast nur noch Nacktschnecken, so Oberer, und diese massenhaft. Darunter befinden sich auch fremde Arten, die teilweise der einheimischen Schneckenfauna Konkurrenz machen. «Die Spanische Wegschnecke (Bild) etwa ist erst vor rund 50 Jahren in der Schweiz aufgetaucht», so Rüetschi. Mit dem Transport von Pflanzen und Erde quer durch die Welt wurde sie in neue Gebiete verschleppt. «Auf Kosten vieler einheimischer Arten», bedauert Rüetschi. Denn die Spanische Wegschnecke verhält sich gegenüber anderen Arten sehr dominant. Ausserdem meiden viele tierische Schneckenjäger die Spanische Wegschnecke. «Vielleicht wegen ihres extrem klebrigen Schleims oder des bitteren Geschmacks», mutmasst der Experte.

 Die Spanischen Wegschnecken und einige andere Arten vermehren sich bei uns prächtig. Sie richten massive Schäden in Gärten und in der Landwirtschaft an. «Primär schuld daran ist jedoch der andere Umgang mit dem Boden», sagt Rüetschi. Die Mechanisierung und Chemisierung habe die Böden stark gestört, die Mikrobiotope Ackerland und Wiese seien stark durcheinander geraten. Und was verheerend für viele Arten ist, lieben die wenigen Schadschnecken offenbar: tief geackerte Böden, Monokulturen, gut gedüngte Pflanzen. Jüngst sorgte hierzulande auch eine Häuschenschnecke, die vor einigen Jahren aus Südeuropa eingeschleppte Kantige Laubschnecke, für negative Schlagzeilen. Seit kurzer Zeit breitet sie sich nämlich rasant aus, ist äusserst widerstandsfähig und gefrässig.

Mörderisches Treiben im Meer

Während sich die Landschnecken vorwiegend vegetarisch ernähren, bevorzugen viele Meeresschnecken Fleisch. Sie kämpfen mit Schwertern, Brechstangen und Feilen. Sie fesseln ihre Opfer, schleudern Schwefelsäure, injizieren Gift; das der Kegelschnecke kann sogar Menschen töten.

Die Tonnenschnecke macht mit Muränen kurzen Prozess. Nähert sich einer dieser aalartigen Fische dem vermeintlichen Leckerbissen, hebt die Tonnenschnecke einladend den Schalenrand ihres Gehäuses, das bis zu 40 Zentimeter Durchmesser haben kann und wartet. Streckt die Muräne ihren Kopf unvorsichtigerweise unter die Schale, lässt die Schnecke diese einem Fallbeil gleich blitzartig nach unten schnellen. Meist kommt der Fisch mit dem Schrecken davon.

Die Nabelschnecke bevorzugt Weichtiere als Beute, die sie in schlammbedeckten Meeresböden findet. Stösst sie auf eine andere Schnecke oder Muschel, verströmt sie ein ätzendes Sekret auf deren Schale, um diese aufzuweichen. Danach bohrt sie mit ihrer Raspelzunge ein Loch ins Gehäuse, schiebt ihren Rüssel ins Weiche und schlemmt. Die Gebänderte Mondschnecke macht es ebenso, fesselt die Beute aber zudem mit klebrigen Schleimbändern – damit sie während dem Ätzen und Bohren nicht davonkriecht.

Zu den Giftmischern gehört die Fassschnecke. Aus ihren Schlunddrüsen spritzt sie eine in der Tierwelt einmalige Rezeptur in den Körper ihrer Opfer: eine zerstörerische Mischung aus vierprozentiger Schwefelsäure und etwas Salzsäure. Damit wird die Beute vorverdaut. Viele Schnecken haben ihr Gift gestohlen. Die filigranen Fadenschnecken zum Beispiel fressen kleine Nesseltierchen, deren Nesselzellen über den Schneckendarm in die fadenartigen Fortsätze auf dem Rücken der Schnecke transportiert und dort eingelagert werden. Andere klauen giftige Stachel von Anemonen und Korallen.

Besonders gewiefte Arten wandeln das gestohlene Gift chemisch um, um dessen Wirkung bis um das Zehnfache zu verstärken. «Diese Eigenschaft, Fremdes aufzunehmen und für eigene Zwecke zu nutzen, ist in der Tierwelt äusserst selten», sagt Heike Wägele von der Universität Bonn. Farben, Gifte und sogar Stoffwechselfähigkeiten haben sich einzelne Arten so angeeignet. Zum Teil übernehmen sie von den ausgebeuteten Organismen ganze Gensequenzen und bauen diese in ihr Erbgut ein, um gewisse Stoffwechselprodukte selber herstellen zu können und so dauerhaft zur Verfügung zu haben. «Die millimetergrosse Elysia hat sogar Pflanzengene in ihr Erbgut aufgenommen», berichtet Wägele. Elysia betreibt laut der Schneckenfachfrau als einzige Tierart richtige Photosynthese und kommt fast ohne Fremdnahrung aus.

Schneckenkunst und Falschgeld
Lange glaubten Wissenschaftler, dass der Mensch frühestens vor 50'000 Jahren anfing, kreativ zu werden. Dann aber fanden Forscher in den südafrikanischen Blombos-Höhlen 41 Schneckenhäuser, die sie auf ein Alter von 75'000 Jahren datieren konnten. Die erbsengrossen Gehäuse wiesen an ihrer dünnsten Stelle alle ein abgenutztes Loch auf: Offenbar waren sie früher zu einer Kette aufgereiht. Damit bilden sie die ältesten Zeugnisse menschlichen Kunsthandwerks.

Bei unseren Urahnen standen Schnecken auch auf dem Speiseplan. Darauf deuten Berge von Schneckenhäusern hin, die man in freigelegten Abfallhaufen aus der Steinzeit fand. Von Ausgrabungen weiss man, dass die römischen Soldaten Weinbergschnecken als Nahrung mit sich führten. Mit den Römern hat sie so die nördlichen Gebiete Europas erobert. In Frankreich sind Weinbergschnecken bis heute eine Delikatesse; sie stammen in der Regel aus Zuchten.

In Westafrika wurden Kaurischnecken bis in die 1960er-Jahre als Geldwährung benutzt, was sich bei einer Art auch auf die wissenschaftliche Namensgebung ausgewirkt hat. Sie heisst Monetaria moneta. Kaurischneckenimitate aus bemalten Steinen und Knochen stellen wohl das erste Falschgeld der Geschichte dar.

Mit Schnecken reden

Auch in der Schweiz kommen Raubschnecken vor. Sie fressen vor allem andere Schneckenarten, Insektenlarven und Regenwürmer. Da ein erbeuteter Regenwurm nicht selten länger als die Schnecke selbst ist, wird er oft an einem Ende schon verdaut, während sein anderes noch aus dem Schneckenmaul ragt. Die Grosse Egelschnecke verträgt grössere Happen. Mit bis zu 20 Zentimetern Länge ist sie die grösste Nacktschnecke Mitteleuropas. Den Grössenrekord mit Gehäuse hält hingegen die Weinbergschnecke, sie ist allerdings überwiegend Vegetarierin. In vielen Kantonen steht sie unter Schutz und ist auf der nationalen Roten Liste als potenziell gefährdet eingestuft.

Weinbergschnecken bevorzugen kalkhaltige Böden in Wäldern, Hecken und Krautbeständen bis auf 2000 Meter Höhe. Ihr Haus kann einen Durchmesser von gut
5 Zentimetern haben, es besteht zu 98 Prozent aus Kalk. Über die pflanzliche Nahrung nehmen sie den Kalk auf, verwandeln ihn in einen Brei und scheiden ihn später über Drüsen aus, die sich am Mantelrand befinden. Der Kalkbrei kristallisiert und bildet einen Zuwachsstreifen am Gehäuserand – so wächst das Haus mit der Schnecke. Anhand der Zuwachsstreifen können Experten das Alter einzelner Individuen bestimmen, «Weinbergschnecken können über 30 Jahre alt werden», sagt Schneckenspezialist Jörg Rüetschi, die meisten anderen Arten würden weniger als ein Jahr alt.

Mehrere Jahre alt werden auch Riesenachatschnecken. Die bis 20 Zentimeter grossen Afrikaner wachsen manchem Terrarienbesitzer fest ans Herz. «Sie schmusen wie Katzen», erklärt Christoph Oberer die menschliche Zuneigung. Seine Achatschnecken seien sehr neugierig, sie erkundeten auf ihre Art den Menschen, der sie in Händen trägt. Jede Schnecke habe ihren eigenen Charakter, versichert er. «Die Tiere gehen ein, wenn man sich nicht um sie kümmert; man muss mit ihnen reden.» Nach Jahren der Kriegsführung hat sich auch Hobbygärtner Hans-Peter Posavac fürs Reden entschieden und wurde so zum Schneckenkenner und Buchautor.

Anfangs sei er sich ein wenig doof vorgekommen, dann habe er gedacht, dass man mit Hunden und Katzen ja auch rede und heute lebe er dadurch in Frieden mit den Schnecken. Posavac hat aus seinem Garten quasi eine Schneckenschule gemacht und vereinbarte mit den Schnecken einen fairen Vertrag, wie er es nennt. Er überlässt den Schnecken einen Wildbereich seines Gartens und bringt ihnen ab und zu etwas Leckeres zum Knabbern. Im Gegenzug vergriffen sich die Schnecken nicht an seinen Kulturpflanzen, versichert Posavac. «Durchaus möglich, dass dies funktioniert», meint Rüetschi. Er sammle gerne entsprechende Erfahrungsberichte.

Aufwändiges Liebesspiel

Dass Schnecken durchaus lernfähig sind, steht ausser Zweifel. Zumindest können sie sich merken, was lecker schmeckt und wo Gefahren drohen. Dabei haben Schnecken nur ein Quasi-Gehirn, einige Ansammlungen von Nervenzellen. Weil sie ein simples Nervensystem mit grossen, gut sichtbaren Zellen besitzen, nutzen Neurowissenschaftler sie, um zu ergründen, wie das Lernen auf zellulärer Ebene funktioniert. Die Entschlüsselung dieser komplizierten biochemischen Vorgänge am Modell der Nacktschnecke Aplysia californica brachte dem amerikanischen
Neurobiologen Eric Kandel und zwei Kollegen im Jahre 2000 sogar den Nobelpreis für Medizin ein.

Es lohnt sich also in verschiedener Hinsicht, sich um Schnecken zu kümmern. Auch für den normalen Gartenbesitzer. Denn wer sich auf die Tiere einlässt, kann in seinem Garten kleine Wunder erleben. Alleine ihr Liebesspiel ist die Aufmerksamkeit wert. Nur schon das Vorspiel kann Stunden dauern. Von chemischen Lockstoffen angezogen, betasten sich die Partner immer wieder, manchmal sieht es aus, als würden sie sich küssen. Dann plötzlich rammen sich die «Liebenden» gegenseitig einen Kalkpfeil in die Flanke. «Das soll stimulierend wirken», bemerkt Rüetschi.

«Schnecken schöpfen das ganze Repertoire an Fortpflanzungsstrategien aus, es gibt sogar solche, die sich selber befruchten können», erläutert er. Die meisten Schnecken sind Zwitter. Das ist ein immenser Vorteil, können doch beide Tiere Eier legen – manche Arten einige hunderttausend in ihrem Leben. Weil die Produktion von Sperma für die Schnecken mit einem erhöhten Energieaufwand verbunden ist, bestehen sie auf Spermatausch: Bei der Paarung geben beide Partner Sperma an den jeweils anderen ab. Dabei legen die Schnecken wert auf Fairness. Betrüger, die keine oder nur eine zu kleine Gegengabe abliefern, werden bestraft – mit einer vorzeitigen Beendigung des Geschlechtsverkehrs. Auch solche Szenen kann man im Garten beobachten.

Literatur
Sofi Meys «Schneckenalarm! So machen Sie Ihren Garten zur schneckenberuhigten Zone», Pala Verlag 2007, Fr. 16.90
Hans-Peter Posavac «Schneckenflüstern statt Schneckenkorn»,
Verlag Neue Erde 2006, Fr. 18.40
Forschungsanstalt für biologischen Landbau, Frick «Biokulturen vor Schnecken schützen», Fr. 6.–, zu bestellen bei: www.fibl.org
J. Hausser: «Bestimmungsschlüssel der Gastropoden der Schweiz»,
Fauna Helvetica 2005, Fr. 35.–

Bilder: © Bildagentur Waldhäusl, Uta Hoepner, Heike Wägele, Norbert Liesz, Jan Sevcik, Jiri Bohdal, Ralf Menke

Tags (Stichworte): GartenGiftSchneckenZoologie

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