Aphrodites Äpfel

Heinz Knieriemen | Ausgabe 11 - 2008

Der Granatapfel symbolisiert Schönheit, Sinnlichkeit und Liebe. Daneben liefert die Frucht schwarzen Farbstoff und ist ein gesundes Nahrungsmittel mit hormoneller Wirkung.

Der Granatapfel gilt als Frucht der Liebesgöttin Aphrodite, als Symbol der Jugend und Schönheit, Liebe, Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit. Wenn das nicht ein Grund ist, sich dem paradiesischen Apfel zu widmen.

Das Weiderichgewächs stammt ursprünglich aus Persien und wurde schon in den berühmten Gärten von Babylon als Zier- und Heilpflanze gezüchtet. Von Beginn an wurde der Apfel mit Aphrodite in Verbindung gebracht. Ein auf Papyrus überliefertes Gedicht schildert den Granatapfel im Garten der Lüste als Symbol der sinnlichen Liebe, der schöpferischen Gestaltungskraft und der Regeneration.

Granada und Granate

Punica granatum, wie seine lateinische Bezeichnung lautet, ist eine der ältesten Früchte der Menschheit. Die Bezeichnung Granatapfel oder Grenadine führt in vielen Sprachen auf das lateinische Wort für Kerne oder Körner, granae, und auf deren grosse Zahl (lateinisch granatus für körnig, kernenreich) zurück. Den Namen Punica bekam er bereits im römischen Reich, als die Römer die Pflanze von den Phöniziern übernahmen. Sie bezeichneten die semitischen Phönizier Nordafrikas als Punier.

Die Araber wiederum benannten ihr erstes geistig-wissenschaftliches Zentrum in Europa, Granada, nach der Frucht, die auch Bestandteil des Stadtwappens sowie des Wappens von Spanien ist. Der Granatapfel gab auch dem scharlachroten Halbedelstein Granat den Namen. Und schliesslich musste der Liebesapfel der Aphrodite sogar noch für die Namensgebung der Granate herhalten, weil diese bei der Detonation zu Splittern zerplatzt und dadurch an die vielen Kerne der Frucht erinnert.

Verfeinerung von Wildgerichten

Auch im Alten Testament wird der Granatapfel mehrfach erwähnt. Er soll 613 Kerne haben, genauso viele wie das Alte Testament Gesetze enthält. Den Streit der drei griechischen Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite, wer die Schönste von ihnen sei, beendete der Trojaner Paris, indem er Aphrodite einen Granatapfel überreichte, was als Urteil des Paris in die Geschichte eingegangen ist.

Die Kultur der Granatäpfel ist heute in geeigneten milden Klimazonen auf der ganzen Welt verbreitet. Grössere Anbaugebiete in Europa finden sich in Italien, Portugal und Spanien. In unseren Breitengraden lässt sich der Granatapfel als Strauch auch in Kübeln anpflanzen. Der Standort sollte wie bei Feigen geschützt und sonnig sein, der Boden eher mager und gut durchlüftet. Die Pflanze ist allerdings frostempfindlich und wird am besten bei etwa sechs bis sieben Grad Celsius überwintert.

Der Granatapfelbaum wird in freier Natur bis zu sieben Meter hoch und kann mehr als 100 Jahre alt werden. Die Rinde ist rotbraun bis grau. Im Frühjahr und Sommer trägt er an den Zweig-Enden grosse glockenförmige orangerote bis hellgelbe Blüten. Die anfangs grüne, später orangerote Frucht ist von mehreren Wänden durchzogen. Dadurch entstehen verschiedene Kam-mern, in denen sich zahllose kantige Kerne befinden, die jeweils von einem glasigen, tiefrot bis blassrosa gefärbten Samenmantel umgeben sind, der auf Druck leicht zerplatzt.

Die Früchte werden frisch genossen oder zu Saft verarbeitet, finden aber auch vielfältige weitere Verwendungen. Die fleischig ummantelten Samen kann man entweder mit den Fingern oder mit Hilfe eines Löffels herauslösen und sogleich verzehren oder damit Süssspeisen und Glace dekorieren. Eine weitere Methode zum Herauslösen der Samen: Die Frucht horizontal halbieren, die Schale an den dünnen Häutchen einritzen und die Frucht sternförmig aufbrechen.

Auf diese Weise kann der süsse Saft mit den Kernen genossen werden. Fruchtfleisch und Saft werden gerne zur Verfeinerung von Wild- oder Geflügelgerichten oder in Obstsalaten verwendet. Die indische Küche fügt die getrockneten und gemahlenen Kerne Curry-Mischungen bei oder sie werden ebenfalls als Zutat für Süssspeisen verwendet.

Farbstoffe für Tinte und Teppiche

Grenadinesirup, der einst ausschliesslich aus Granatäpfeln der Karibikinsel Grenada hergestellt wurde, gibt dem Tequila Sunrise und verschiedenen anderen Cocktails seinen fruchtigen Geschmack und seine rote Färbung. Der heute angebotene Grenadinesirup ist jedoch nicht empfehlenswert, da er in der Regel ein reines Syntheseprodukt mit viel Zucker, Kunstaromen und chemischen Farbstoffen ist. Granatapfelfrüchte reifen im Gegensatz etwa zu Bananen nicht nach. All die propagierten Wirkungen für die Gesundheit sind aber nur von baumreifen Früchten oder dann von guten Säften oder Präparaten zu erwarten. Geerntet wird in den Monaten September bis Dezember, sodass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, vollreife Früchte im Laden zu kaufen, die reich an Kalium, Kalzium, Eisen, Vitamin C und weiteren wertvollen Inhaltsstoffen sind.

Die Schale des Granatapfels bildet seit Jahrhunderten auch die Grundlage für Farbstoffe von Orientteppichen. Durch das Kochen der Schale erhält man eine pechschwarze Tinte. In Indien wird die Fruchtschale zum Schwarzfärben von Wolle verwendet. Mit einem Extrakt aus der Wurzel des Granatapfelbaumes können mit Hilfe einer Eisenbeize tief dunkelblaue Farbtöne erzeugt werden. Die Wurzel, die Rinde und die gekochte Schale wurden bis ins Mittelalter zudem als Wurmmittel auch gegen Bandwürmer eingesetzt.

Viele Heilversprechungen

Der Granatapfel ist die Frucht des sinnlichen Vergnügens. Bitten wir also Aphrodite zu Tisch und betrachten wir die Vielzahl von Studien mit einem Wust von Heilversprechungen zunächst aus kritischer Distanz. Denn die Freude am Essen ist ebenso ein nicht zu unterschätzender gesundheitlicher Faktor.

Unbestritten ist zudem, dass viele Früchte, Kräuter, Gemüse und Kerne Inhaltsstoffe enthalten, die der Gesundheit dienen. Die Natur schüttet ein verschwenderisches Füllhorn aus. Und der Granatapfel gehört dazu, aber er ist kein Wundermittel bei all den bedrängenden Krankheiten unserer Zeit. Bei Prostata- und Brustkrebs wirken die im Granatapfel enthaltenen Phytoöstrogene allenfalls vorbeugend, aber das gilt auch für Kürbiskerne, die Präparate der Sabalpalme wie etwa Prostasan. Phytoöstrogene sind Pflanzenstoffe, die ähnliche Wirkungen wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen haben. Kritische Distanz ist vor allem auch deshalb angebracht, weil sogenannt wissenschaftliche Studien und die Laboranalytik oft undurchsichtig sind, häufig in direkter Verbindung mit angebotenen Produkten stehen und über die Medien einen viel zu grossen Stellenwert erhalten.

Sekundäre Pflanzenstoffe, auch bio-aktive vitaminähnliche Substanzen genannt, sind die in Lebensmitteln enthaltenen gesundheitsfördernden Stoffe. Ebenso präsent in der Natur wie die orangen, gelben oder roten Carotinoide sind die roten, violetten oder blauen Farbstoffe, die Anthocyane. Sie gehören wie die gelben Flavonoide der Zitrusfrüchte und die Phenolsäuren in Kaffee und Tee zur Gruppe der Polyphenole. Ob Granatapfel-, Randen-, Holunder-, Traubensaft oder Rotwein, überall sind die Pflanzenpigmente vertreten. Die Anthocyane kommen nicht nur in Früchten und Gemüse, sondern auch in vielen Blüten vor.

Die Naturheilkunde macht geltend, dass gerade die rot-blauen Farbstoffe unter den Polyphenolen die Sauerstoffzufuhr der Zellen verbessert. Deshalb werden Granatapfel-, Randen-, Trauben- oder Holunderkuren als Zusatztherapie bei bösartigen Geschwulsten empfohlen. Als bedeutungsvoll haben sich die in den Granatapfelkernen vorkommenden hormonartigen Stoffe erwiesen, die den körpereigenen Hormonhaushalt günstig beeinflussen können. Phytoöstrogene können etwa bei Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden ausgleichend wirken. Ein gutes Granatapfelsamenöl kann bei den typischen Begleiterscheinungen wie Hitzewallungen und trockener Haut helfen. Mit der Anwendung von Zäpfchen mit Granatapfelöl wurden in der Praxis gute Erfahrungen unter anderem bei mangelnder Feuchtigkeit im Scheidenbereich gemacht.

Wertvolle Pflanzenstoffe

Die Forschungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass bioaktive Pflanzensubstanzen im Organismus des Menschen generell eine wichtige Rolle spielen. Sie können in verschiedene Stoffwechselabläufe eingreifen und den Körper dabei unterstützen, Krankheiten abzuwehren. Ihre positiven Eigenschaften liegen unter anderem darin, dass sie unerwünschte Bakterien abwehren, unsere Abwehrkräfte stärken, entzündungshemmende, blutdrucksenkende, verdauungsfördernde Wirkung ausüben, den Blutzuckerspiegel regulieren, Blutgerinnsel und Ödeme verhindern und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern. Einige Verbindungen können sogar die Bildung krebserregender Substanzen wie Nitrosamine oder Schimmelpilzgifte bremsen, freie Radikale neutralisieren und zudem körpereigene Entgiftungsenzyme anregen, um gesundheitsschädigende Stoffe abzubauen. Der Granatapfel kann im Rahmen einer gesunden, abwechslungsreichen Ernährung ebenfalls dazu beitragen.

Bilder: FOTOLIA, René Berner

Tags (Stichworte): AphroditeBotanikErnährungGranatapfelHeilpflanzenSinnlichkeit

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