An der Quelle
Das Allalinhorn gehört zu den einfachsten Viertausendern der Alpen. Alpine Erfahrung oder ein Bergführer sind aber trotzdem unabdingbar.

Vor über tausend Jahren kamen nordafrikanische Muselmanen auf dem Seeweg über Sardinien nach Südfrankreich, genauer zum Massif des Maures zwischen Toulon und Fréjus. Mauren (auch Mohren genannt, von lateinisch «maurus», Bewohner Nordafrikas) heissen bekanntlich auch die arabischstämmigen Bewohner Iberiens. Von diesem «Mohrenberg» zogen die Sarazenen, wie sie ebenfalls bezeichnet wurden, auf verschiedenen Wegen weiter nach Norden. Mit ihren nicht immer friedlichen Zügen gelangten verschiedene Errungenschaften der damals höchst erfindungsreichen arabischen Welt auch zu uns, so Papier, Velours, Filz, Nougat, Geschirr, Lederschläuche, Maultiere und -esel, die Getreideart Buchweizen (im Französischen «sarrasin» genannt), ausgeklügelte Bewässerungssysteme, aber auch Kenntnisse über den Lauf der Gestirne und wertvolles Wissen der Humanmedizin.
Der tiefere Grund ihrer ausgedehnten Wanderungen ist nicht vollständig geklärt. Sicher spielten kommerzielle Interessen, aber auch klimatische Veränderungen eine Rolle, denn damals war es in unseren Breitengraden wesentlich wärmer als heute. Dementsprechend muss Nordafrika unter grosser Hitze und einer zunehmenden Verwüstung gelitten haben, aus der schliesslich die Sahara entstand.
Sarazenisches Erbe
Mehrere der Sarazenenzüge erreichten auch das Wallis über die Pässe Mons Jovis (Grosser Sankt Bernhard), Mons Pratoborni (Theodul) und das Saastal über den Monte Moro (auch dies ein sprechender Name). Obwohl die Sarazenen wenig sesshafte Händler blieben und vornehmlich in Zelten hausten, haben sie doch erstaunlicherweise im Saastal einige eindeutig arabischstämmige Flurnamen hinterlassen, etwa Almagell (von «al-mahall» für Ort, Siedlung), vermutlich auch Mischabel(von «jabal» oder «djebel» für Berg).
Auch der eigentümliche Name des Allalinhorns stammt aus dem sarazenischen Arabisch, wo «ala’i-ain» Quelle bedeutet. Im Grunde heisst das Allalinhorn also Quellhorn oder Quellberg. Das ist auch ganz logisch, scheint doch die Feer Vispa dem Allalinhorn zu entspringen, obwohl sie eigentlich alle Wasser der Gletscher im Rund sammelt.
Das Allalinhorn ist auch eine Quelle im übertragenen Sinn. An seinen weiten, vergletscherten Hängen befinden sich die meisten Bergbahnen und Skilifte von Saas Fee, die den Motor für die gesamte touristische Infrastruktur, wie Hotels, Parahotellerie, Restaurants, Geschäfte und Dienstleistungen, darstellen.
Die gute Erschliessung bringt es mit sich, dass das Allalinhorn in vergleichsweise kurzer Zeit bestiegen werden kann. Von Mittel-Allalin gelangt man in knapp zwei Stunden auf den Gipfel. Es verwundert deshalb nicht, dass der Berg zu den einfachsten und meistbesuchten Viertausendern der Alpen gehört. Das hätten sich die Sarazenen vor 1000 Jahren wohl nicht träumen lassen und ebenso wenig, dass das Allalinhorn nachts mit einer Laserkanone angeleuchtet wird und wie ein überdimensionaler, etwas bleicher Vollmond über dem Tal erstrahlt.
Loch durchs Allalinhorn
Die meisten Alpinisten bevorzugen den Sommer für die Besteigung des Allalinhorns. Für eine Skitour ist es nämlich fast zu kurz, umso mehr, als auf dem Sattel zwischen Feechopf und dem Gipfel die Ski bereits zurückgelassen werden müssen. Die Abfahrt, die hauptsächlich über gut präparierte Pisten führt, ist zwar nicht zu verachten, aber es ist eben Piste, nicht Tiefschnee. Eine sehr lohnende Route auf den Gipfel bildet der Hohlaubgrat, eine schöne, klassische Sommerroute, für die sich die Britanniahütte als Ausgangspunkt anbietet. Der Abstieg hält sich dank der erwähnten Bahnen zudem in Grenzen.
Neuerdings ist das Allalinhorn auch noch in einem anderen Zusammenhang ins Gespräch gekommen. Die Saaser haben nämlich eine Art Matterhorn-Komplex. Offensichtlich leiden sie darunter, dass das Matterhorn vom Saastal aus nicht zu sehen ist, obwohl sich der eigene Bergkranz wesentlich näher, eindrücklicher und gigantischer präsentiert. Saas Fee hat den Vorteil, dass man sehr viele attraktive Berge – darunter nicht weniger als acht Viertausender – vom Dorf aus bewundern kann im Gegensatz zu Zermatt, wo vom Dorf aus nur gerade das Matterhorn und auch nur dessen Spitze sichtbar ist.
Nichtsdestotrotz genügt das überwältigende Panorama ihres Tales den Saasern offenbar nicht. Sie wollen das Matterhorn sehen. Und so entstand die Idee, einen Tunnel durch das Allalinhorn zu bohren, um von der anderen Seite, oberhalb des Allalinpasses das Matterhorn zu Gesicht zu bekommen. Zusätzlich sollte ein solcher Felsdurchstich auch das Projekt einer Vernetzung der Skigebiete von Breuil, Zermatt und Saas Fee befördern. Da für die Realisierung jedoch mehrere bislang unberührte Gletschergebiete mit Bahnen, Skiliften und weiteren Infrastrukturbauten wie Bergrestaurants erschlossen werden müssten, besteht wohl kaum eine Chance, dass die Pläne in absehbarer Zeit in die Wirklichkeit umgesetzt werden.
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Zum Allalinhorn
• Gebiet
Walliser Alpen
• Gipfel
Allalinhorn (4027 m ü. M.)
• Charakterisierung
Das Allalinhorn, eigentlich ein kompliziert strukturierter Berg, der aber von Saas Fee aus eine formschöne, liebliche Firnkuppe darstellt, ist vielleicht der einfachste Viertausender der Alpen, der aber von spaltenreichen, manchmal heimtückischen Gletschern umgeben ist. Zur technischen Einfachheit kommt die Erschliessung des Bergs durch verschiedene Bergbahnen hinzu, welche die Tour weiter verkürzen helfen.
• Schwierigkeit
Leicht. In der Regel einfaches Gehgelände (Geröll, einfache Blockgrate). Allfällige Kletterstellen sind kurz und problemlos. Trotz der Einfachheit dieses Gipfels sind die Gefahren der Gletscher nicht zu unterschätzen und die elementaren Vorsichtsmassregeln zu respektieren. Ein Schlechtwettereinbruch kann auch beim «leichtesten» Berg fatale Folgen haben. Alpine Erfahrung oder ein Bergführer sind unabdingbar.
• Zeit für Auf- und Abstieg
Mittel-Allalin (Station) bis Allalinhorn: 2 Stunden Aufstieg, 1 Stunde Abstieg.
Höhendifferenz
Mittel-Allalin (Station) bis Allalinhorn: 573 Meter.
• Talort
Saas Fee (1798 m ü. M.)
• Ausgangspunkt
Mittel-Allalin (3454 m ü. M.) Auf einem Felssporn unmittelbar nördlich des Allalinhorns gelegen. Restaurant, keine Übernachtungsmöglichkeit. Mittel-Allalin wird am frühen Morgen mit der ersten Bahn via Felskinn (Alpin-Express/Metro Alpin) erreicht.
• Auf- und Abstieg
Westflanke (Normalroute): Von der Station Mittel-Allalin steigt man in Südwestrichtung auf dem Gletscher auf und geht weiter bis zum Feejoch unterhalb P. 3826. Die Hängegletscher links (südlich) in respektvollem Abstand umgehen. Von hier auf der etwas steileren Westflanke zum Gipfel. Abstieg auf derselben Route.
• Alternative
Nordostgrat (Hohlaubgrat): Von der Britanniahütte oder von der Mittelstation Hohlaub der Metro Alpin steigt man zum Hohlaubgrat (Firn), der im oberen Teil steiler wird und durch einen Riegel aus brüchigem, aber einfachem Fels unterbrochen wird. Am Schluss wieder auf Firn zum Gipfel (4 Stunden von Britannia, 3 Stunden von Station Hohlaub). Abstieg auf Normalroute nach Mittel-Allalin (Station).
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1328 Randa
Landeskarte 1: 50 000, 284 Mischabel (auch als Skitourenkarte erhältlich).
• Führer
SAC-Auswahlführer, Hochtouren im Wallis, SAC-Verlag, Bern.
SAC-Clubführer, Walliser Alpen 5, SAC-Verlag, Bern.
• Winter
Das Allalinhorn ist auch ein schöner Skiberg, bei der Abfahrt erreicht man unterhalb des Feejochs bald die Skipisten.
Foto: swiss-image.ch/Robert Bösch und Christian Perret, zvg
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