Am Hang
Für Peter und Christine Baumann war die Umstellung auf biologische Landwirtschaft ein logischer und der richtige Schritt, um als Bergbauern im Bündnerland zu überleben.
Dort oben am Schamserberg in dem Dorf am Himmel soll noch jemand wohnen? Offensichtlich schon, denn das Postauto von Zillis nach Wergenstein ist voller Schulkinder. Sie sprechen untereinander rätoromanisch und erzählen dem Fahrgast mit dem jungen, verspielten Hund, dass sie zu Hause auch Tiere haben. Lohn ist ein kleines Bündner Dorf, dem Bezirk Hinterrhein zugehörig, auf 1600 Meter über Meer gelegen und rund 50 Einwohner zählend. Die Häuser scharen sich um die Kirche mit den zwei Türmen.
Etwas oberhalb des Dorfes schmiegt sich der Hof von Peter und Christine Baumann an den Berg. Die Familie mit ihren fünf Kindern lebt schon fast 20 Jahre dort. Sie bewirtschaftet eine Fläche von 40 Hektaren, hält 12 Mutterkühe, 20 Mutterschafe, 2 Ponys, 40 Hühner und allerlei Kleintiere.
«Auch wenn Lohn ein abgelegener Ort ist, so verpassen wir hier oben nichts», sagt Christine. Denn die meisten Familien verfügten über Fernsehen und Internet. Zum Kino nach Thusis dauere es mit dem Auto nur eine halbe Stunde. Auch für die Kinder scheint das Leben im abgelegenen Dorf nicht wirklich von Nachteil zu sein. Sie haben mehr Kontakt zu den Tieren als gleichaltrige Kinder in den Städten. Sie sind selbstständig und wissen, was sie wollen. Auch wenn der Mensch in den Bergen abhängiger von der Natur ist als im Tal, kann er sich dort gut entfalten.
Biologische Landwirtschaft in der Schweiz
Im Jahre 1981 schlossen sich wenige hundert Bauern unter dem Signet der Knospe zur Vereinigung Schweizer Biolandbau-Organisationen (Bio Suisse) zusammen. Heute zählt der Verband 5871 Betriebe. Das sind 10 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz. Sie bewirtschaften eine Fläche von 110000 Hektaren oder 10,5 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. 2006 wurden in der Schweiz für 1,2 Millionen Franken Bioprodukte verkauft. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum an Bioprodukten beträgt etwa 165 Franken. Damit sind die Schweizer Weltmeister. Doch in den letzten Jahren hat die biologische Landwirtschaft stagniert. Der Umsatz nahm zwar von 2005 auf 2006 um 1,6 Prozent zu, die Anzahl Betriebe jedoch gleichzeitig um 4 Prozent ab. Das hat laut Jacqueline Forster-Zigerli von Bio Suisse einerseits mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft zu tun, denn auch Biobetriebe müssen aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. Andererseits seien auch einige Betriebe wieder aus der Bioproduktion ausgestiegen.
Einfache Umstellung
Peter und Christine kommen ursprünglich aus dem Unterland. Christine hat in Zürich Pflegefachfrau gelernt, Peter Agronomie studiert. Er kam 1984 als Knecht auf einen Betrieb in Lohn und konnte dort später seinen jetzigen Hof Furn erwerben. Anfangs wirtschafteten die beiden wie die meisten im Dorf. Sie hielten Milchvieh und verfütterten den grössten Teil der Milch an die Kälber, die sie für das Unterland aufzogen.
In den Jahren 1992/93 wechselten Baumanns vom Milchvieh auf Mutterkühe und stellten ihren Hof auf biologische Landwirtschaft um. Der Name Bio war ein gutes Argument für die Vermarktung ihrer Produkte und mit den Vitellone, Mastrinder, die im Alter von etwa einem Jahr geschlachtet werden, bot sich ein guter Markt für das Fleisch an. Doch seien die Preise für die Landwirte, so Peter Baumann, damals im Keller gewesen. Nicht nur, weil es an Nachfrage mangelte, sondern weil die Margen der Metzger überzogen waren.
Das führte dazu, dass im Jahre 1992 acht Bauernfamilien die Genossenschaft «Bio Purs da Lohn», Biobauern von Lohn, gründeten. Sie liessen ihre Tiere von einem Metzger in Bärenburg, Andeer, schlachten und abhängen und erstellten in Lohn einen gemeinsamen Verpackungs- und Lagerraum für das Fleisch. Dank guter Beziehungen zur Gastronomie und zu Familien im Unterland war eine Direktvermarktung der Produkte möglich. Eine gute Beratung half den Landwirten, fachgerecht zu portionieren und zu verpacken. Schon während seiner Studienzeit an der ETH in Zürich fühlte sich Peter von der biologischen Landwirtschaft angezogen. Er wollte immer mit und nicht gegen die Natur bauern. Die Umstellung des Betriebes auf Bio war für ihn nicht so schwierig. «Wir wirtschafteten ja schon vor der Umstellung fast biologisch», sagt er, und der Verzicht auf Kunstdünger war kein Problem. Andererseits wusste niemand, wie sich der Markt für Bioprodukte entwickeln würde. Man hatte Angst, dass die Nachfrage schnell gesättigt sein könnte.
Die Hälfte bauert biologisch
Anfangs der 90er-Jahre fing die biologische Landwirtschaft im Kanton Graubünden an, salonfähig zu werden. Damals war die Rede von einem Anteil der Biobetriebe an der gesamten Bündner Landwirtschaft von höchstens 8 Prozent. Heute sind es über 50 Prozent. Gab es im Jahre 1990 nur 30 Biohöfe bei etwa 3500 landwirtschaftlichen Betrieben, so waren es drei Jahre später schon 262 Höfe. Im Jahre 1992 hatten alle Betriebe der Gemeinden Hinterrhein und Nufenen auf biologische Produktion umgestellt; ihre Sennerei stellt seither ausschliesslich Biokäse her.
Die Umstellung auf Bio weitete sich aus, als der Detailhändler Coop 1993 einen Vertrag mit der Genossenschaft abschloss und die gesamte Käseproduktion übernahm. 2005 wirtschafteten von 2615 verbliebenen Betrieben 1439 biologisch, das entspricht 55 Prozent. Seither stagniert die Anzahl Biobetriebe im Kanton. Laut Bioberater Paul Urech hängt die zukünftige Entwicklung der biologischen Landwirtschaft in Graubünden vor allem von der Einstellung der Konsumenten ab. Bio Grischun, die Bündner Vereinigung der Biobauern, legt deswegen grossen Wert auf Öffentlichkeitsarbeit.
Während es für die Familie Baumann leicht war, auf Kunstdünger zu verzichten, gab es bei den Ställen einige Schwierigkeiten. So bekamen sie für einen Laufstall keine Bewilligung. Es musste ein Anbindestall sein, der sich später in einen Laufstall umbauen liess. Ausserdem wurden die Auflagen für die Ställe immer strenger. Anfangs genügte es noch, den Laufhof auf Naturboden zu erstellen, dann musste er betoniert und die dort anfallende Gülle in die Grube abgeleitet werden.
Als zweites Betriebsstandbein bauten Peter und Christine das Projekt Ferien auf dem Bauernhof auf. Der Gedanke entsprang nicht nur der Absicht, damit Geld zu verdienen. «Wir müssen den Leuten auch zeigen, dass wir etwas für Tiere und Landschaft tun», sagt der Biobauer. Der Nebenerwerb von Christine als Pflegefachfrau ist ein weiteres, wichtiges Standbein für das Einkommen der Familie. Ohne Direktzahlungen vom Bund könnte der Betrieb und allgemein die Landwirtschaft im Berggebiet zudem nicht überleben. Zu gross ist der Aufwand, das Futter für 200 Winterfütterungstage einzuholen.
Viele Richtlinien
Neue Ideen haben es in einem Bergdorf, das viel auf Tradition hält, schwer und müssen sich bewähren. «Vor kurzem haben wir in den Augen der Einheimischen etwas ganz Komisches gemacht; das halbe Tal weiss es schon», sagt Peter. Sie hatten eine schöne Heuwiese im Frühling mit Schafen beweidet, wie es ihnen ein Bioberater empfohlen hatte. Das half nicht nur, Heu zu sparen, das Futter wuchs zudem schnell nach und die Artenzusammensetzung der Wiese änderte sich, dass diese nun mehr Gräser aufweist.
«Die Umstellung auf biologische Landwirtschaft war der richtige Entscheid», ist Peter überzeugt, auch wenn er heute manchmal Mühe mit den vielen neuen Richtlinien hat. Man müsse so viele Dinge beachten, welche die Bewirtschaftung erschwerten.
Peter erklärt Manuel, dem Lehrling, anhand einer Karte, wo Standorte mit Trockenwiesen ausgeschieden sind, wo er mähen darf und wo nicht. Manchmal sind Flächen als Trockenstandorte ausgeschieden worden, die er selbst von Sträuchern und Bäumen befreit hatte, um sie wieder als Wiesen und Weiden zu bewirtschaften.
Nicht immer sind die Auflagen leicht zu erfüllen. Zum Beispiel, wenn man bei einer kleinen, vom Hof entfernten Fläche mit dem Heuen zuwarten müsse, wo man doch gerade bei der grösseren Nachbarparzelle am Mähen sei. Da werden Verständnis und guter Wille des Landwirtes für den Naturschutz manchmal ziemlich stark strapaziert. Doch Peter nimmt das lieber in Kauf, als seinen Betrieb immer grösser machen zu müssen, um noch genug zu verdienen.
Und schliesslich: «Heuen ist Spass, die Familie steht zusammen und sieht die schönen Wiesenbestände als Lohn für ihre zusätzliche Arbeit.»
Bilder: © Michael Götz, Simone Baumann
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