Abschalten!

Simon Libsig | Ausgabe 09 - 2010

Simon Libsig versucht, seine Ferien zu geniessen, wenn nur dieses Ding in seiner Badetasche nicht wäre – oder seine Obsession von diesem.

Ich liege am Strand auf meinem Donald-Duck-Badetuch. Die Sonne massiert wohltuend meinen Rücken, ich habe die Augen fest geschlossen und denke: «Entspann dich! Du hast Ferien! Jetzt schalt endlich deinen Kopf aus oder willst du dir alles verderben?»

Zur Beruhigung taste ich nach meiner Strandtasche und greife hinein. Ich spüre den Volleyball, gleite über den dicken Schmöker, den ich schon lange lesen wollte, dann die Sonnencrème, ich verweile kurz bei den in Cellophan eingewickelten Sandwiches, es knistert unter meiner Hand, doch dann endlich finde ich, wonach ich gesucht hatte. Zunächst halte ich es einfach fest.

Ich höre das Schnaufen meines Strandnachbarn, der mit ganzer Kraft versucht, seinen Sonnenschirm möglichst tief in den Sand zu rammen. Er hält den Atem kurz an, dann stösst er ihn wieder zischend und keuchend aus. Ich höre die Ausrufe des Glacemannes, der Ananas-, Getränke- und Schmuckverkäufer, die ihre Ware möglichst kreativ, jedoch meist mit schrill hervorgepresster Stimme feilbieten. Ich vernehme das Klatschen einer Hand, die Sonnenschutz auf einen Wabbelbauch aufträgt. Das Surren eines Federballs, das stossweise Aufpusten eines Schwimmringes und ein ungeduldiges Kind. Überhaupt Stimmen, überall Stimmen. Einer, der sich gerne reden hört, zwei Streithammel, eine Gruppe Sprachschüler. Vom Meer her Wellen und Lachen und Rufen und Kreischen. Irgendjemand raucht.

Ich ziehe die Hand aus meiner Strandtasche zurück und schalte das Ding ein. Dann schreibe ich mir selbst eine E-Mail und warte gespannt auf die Out-of-office-Antwort. OK, das funktioniert. Die Zahl meiner ungelesenen Mails hat sich seit meiner letzten Kontrolle vor zwei Stunden jedoch bereits wieder markant vergrössert. Ich zwinge mich, keines davon anzutippen, lese aber die Absender und die Betreffs. Dann wechsle ich noch schnell zur Agenda. Sorgfältig gehe ich jeden Tag dieser Woche durch und kontrolliere, ob da wirklich kein Termin drin steht. Siebenmal lese ich das Wort Ferien. «Sehr gut», denke ich, «und jetzt entspann dich endlich!»

Ich greife nochmals in meine Strandtasche und hole die Sandwiches hervor. Ich habe keinen Hunger und esse sie alle auf. Ratzeputz. Dann kommt der Schmöker dran. Ab Zeile vier erinnere ich mich an die Absender und die Betreffs. Ich gehe sie einzeln durch und formuliere Antwortmails in meinem Kopf. «Spielen wir Volleyball», werde ich aufgefordert. «Nein», sage ich, «ich lese hier grad so schön». Als Beweis blättere ich eine Seite um, dann mache ich mich wieder an meine Mails. «Hallo, abschalten!» Ich beschimpfe mich eine Weile, aber auf Volleyball habe ich wirklich keine Lust. Dann eher noch schwimmen. Ich laufe los, aua, heiss, heiss, heiss, das ist kein Strand, das ist eine Herdplatte! Es zischt, als ich mit meinen Füssen ins Wasser laufe, dann tauche ich ab.

Der Strandlärm verschwindet. Ich bleibe so lange unten wie ich kann. Einundzwanzig, zweiundzw... da bin ich wieder. Ich schüttle die nassen Strähnen aus meinen Augen und schmecke das Salz. Dann schalte ich ab. Meine Gedanken treiben im Meer davon, ich bin nur noch Fisch, abtauchen, auftauchen, abtauchen, auftauchen. Dann lasse ich mich an den Strand spülen. Ein gestrandeter Wal. Zu viele Sandwiches.

Aber in den verbleibenden Ferientage werde ich jeden Morgen dem Strand entlang joggen, nehme ich mir vor. Ich habe ja Zeit, ich habe Ferien, und endlich spüre ich es! Voller Enthusiasmus mache ich mich daran, eine Sandburg zu bauen. Aber wie sieht nochmals eine Sandburg aus? Ich beschliesse, etwas anderes zu bauen, und forme aus Sand einen Laptop mit Stromkabel und Maus. Dann drücke ich den Power-Button. Aber in den verbleibenden Ferientagen werde ich jeden Morgen dem Strand entlang joggen.

Zur Person
Simon Libsig (1977) kann lesen und schreiben. Mit dieser Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und den Publikumspreis Swiss Comedy Award 2009. Zurzeit ist er mit seinem neuen Solo-Programm «Sprechstunde» auf Tournee. Mehr Info dazu auf www.simon-libsig.ch



Foto: ulrichkarlijoho / flickr / cc

Tags (Stichworte): BadetascheEntspannungFerienLibsigObsession

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